Geschichte

Das Kunstmuseum Appenzell ist seit seiner Eröffnung (als Museum Liner Appenzell) im September 1998 Bestandteil der „Grand Tour“, der Bildungsreisen der Architekten, sowohl der noch studierenden wie auch der bereits praktizierenden. Diese Besucher, man könnte sie auch Forscher und Sammler nennen, machen noch heute, 19 Jahre später, einen bedeutenden Anteil der jährlichen Gesamtzahl von ungefähr zwanzigtausend Museumsbesuchern aus. Das ist nicht wenig, für ein kleines, relativ abgelegenes Museum möglicherweise gar existenzsichernd, da die Architekturinteressierten als Multiplikator wirken, die den Ruf eines Hauses erweitern können.
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Bemerkenswert ist auf jeden Fall die Intensität, die Wissbegier, vielleicht auch die Sorgfalt, mit welcher sich jener Besuchertyp mit der Gesamtheit und den Details des Gebäudes „Kunstmuseum Appenzell“ beschäftigt. Es macht Freude, die fotografierenden, zeichnenden, schreibenden Besucher zu beobachten, die niederknien, um die Fussbodenmaterialien nahsichtig abzutasten, die sich nach oben recken, um beispielsweise die Metallprofile der Fensterlaibungen genau zu sehen. Überhaupt, die Architekturliebhaber versuchen offensichtlich, das Gebäude in seiner Struktur, in seiner Machart und in seiner Oberflächentextur zu „begreifen“.

Für Annette Gigon und Mike Guyer bedeutete das Bauprojekt „Museum Liner“ die vierte Möglichkeit, ihre Vision eines der Kunstbetrachtung angemessenen Raumes zu verwirklichen. Nach dem Kirchner Museum Davos (1992), der Erweiterung des Kunstmuseums Winterthur (1995), der Renovation und des Anbaus der Sammlung Oskar Reinhart Winterthur (1998) konnten und mussten die kongenialen Lösungen, welche das Büro Gigon & Guyer für die drei „Vorgänger“ gefunden hatten, neu gedacht werden, um in dem spezifischen Appenzeller Kontext wiederum zur Wirkung zu kommen.

Von Vorteil, im Sinne einer grösstmöglichen Gestaltungsfreiheit, war sicher, dass der Bau ein Direktauftrag ohne vorherigen Wettbewerb war. Der Stifter des Museums, der Unternehmer Heinrich Gebert, mit Carl Walter Liner durch Heirat verwandt, war so begeistert von der klaren und reinen Architektur des kristallinen Kirchner Museums Davos, dass er in Absprache mit dem Stiftungsrat 1996 dem Architekturbüro Gigon & Guyer den Entwurf und dann die Realisation des Museums anvertraute. Wie schon beim Kirchner Museum Davos, schufen die Architekten ein Ausstellungs- und Sammlungsgebäude, das multifunktional bespielt werden kann. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung des verhältnismässig frei liegenden Baugrundstücks – sowohl für den architektonischen Entwurf wie auch für die Akzeptanz des Hauses im Kanton Appenzell Innerrhoden. Das vom Appenzeller Frauenkloster Sta. Maria der Engel der Stiftung Liner zur Verfügung gestellte, längsrechteckige Grundstück liegt in der Nähe des Appenzeller Bahnhofs, allerdings nicht auf der eigentlichen Dorfseite, sondern zur ländlichen, unbebauten Seite hingewandt. Das Museum Liner ist somit an der Schnittstelle zwischen touristischem „Trubel“ und alltäglicher Ruhe, zwischen städtischer Infrastruktur und Brachland angesiedelt – in gewisser Weise liegt das Museum auf einer Insel. Es kann von auswärtigen Besuchern vom Bahnhof aus zwar gesehen und leicht erreicht werden, optisch gehört das Museum dennoch nicht zum historischen, zum gewachsenen Ensemble des Dorfkerns.

Ausgehend dem Terrain, auf dem gebaut werden konnte, dem Ort, in dem gebaut werden sollte, der Landschaft, in dem das Gebäude stehen sollte, den Inhalten, denen das Bauwerk ein Zuhause geben sollte, erfanden die Architekten einen fast perfekten Ort. Einen Arbeitsort, der inzwischen nicht nur zu einem der Wahrzeichen des Ortes Appenzell, sondern zu einem Monument sowohl der Architekturhistorie wie auch ganz allgemein der Besinnung geworden ist. In der Architektur ist beides aufgehoben: äussere Repräsentation – in einem zurückhaltenden Sinne – und innere Konzentration – in einem zwanglosen Sinne.

Kunstmuseum Appenzell, 1999
Jugendliche zeichnen das Kunstmuseum, 2014