Hans Arp

Poupées – Hans Arp & Zeitgenossen (EG)

Sonntag, 03. Juni 2007
- Sonntag, 25. November 2007

Kunsthalle Ziegelhütte

Die mehr als 200 Exponate (aus dem Besitz der Fondazione Arp, der Stiftung Hans und Sophie Taeuber-Arp, Rolandseck und Privatbesitz) umfassende Ausstellung Hans Arp – Poupées, kuratiert von Rainer Hüben und Roland Scotti, ist eine Innovation in der Kooperation, da sie weniger auf eine Vorstellung der Sammlung der Fondazione Arp oder des Gesamtwerks von Arp zielt als ihre Vorgängerinnen. Eher ist sie einem Detail, einem Ausschnitt aus dem umfangreichen Œuvre des Künstlers gewidmet, der bisher wenig beachtet wurde und dennoch von grosser Signifikanz für die künstlerische Arbeit eines Meisters der klassischen Moderne ist – nicht zuletzt, weil das Mannequin, der künstliche und konstruierte Mensch, zu den zentralen Motiven der Kunst des 20. Jahrhunderts gezählt werden kann (man denke an Hans Bellmer, Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Salvador Dali, George Grosz usw.).


Die Poupées als Sujet einer Sonderausstellung boten sich für die erste Zusammenarbeit der Kuratoren Hüben und Scotti an, da in der Fondazione Arp Locarno mehr als 180 dieser in den Jahren zwischen 1952 und dem Tod Arps 1966 entstandenen puppenförmigen Decoupagen (Scherenschnitte) bewahrt werden. Das Konvolut, das Panorama der Figuren und freien Formen wollte hinterfragt werden: Wieso so zahlreich, warum zu dieser Zeit, warum in diesen Grössen, warum oft in dieser menschenähnlichen Form, warum als Motiv nicht nur von Schnitten, sondern von auch Zeichnungen, Druckgraphiken, Skulpturen und gar Gemälden usw.?


Diese Fragen werden in der Ausstellung und in der Begleitpublikation anschaulich formuliert, untersucht und annäherungsweise beantwortet. Wobei die Poupées in ihrer prägnanten Sinnlichkeit für sich sprechen, jeden Betrachter überzeugen können, dass sie gültige Werke des Mitbegründers des Dadaismus sind: Werke, in denen sich die spielerische Eloquenz Arps mit einer fast konstruktiven Konsequenz verbinden.

Der Schwerpunkt der Ausstellung, die aus der freien Hand geschnittenen Poupées, meist im Format zwischen DinA5 und DinA3, wird ergänzt um Collagen, Zeichnungen, Plastiken, die das Thema der Poupées vorbereiten, variieren, fortführen und weiterentwickeln. Wichtig für eine gültige Darstellung dieses Werksegments wurden Leihgaben der Stiftung Arp e. V., Rolandseck: 6 Druckgraphiken mit dem Motiv Poupée, welche für ein mit dem Pariser Verleger Louis Broder geplantes Mappenwerk 1964 als Probedruck gefertigt wurden, ein Mappenwerk, für dessen Vorwort laut der Überlieferung Marcel Duchamp vorgesehen war. Im Zusammenklang mit den anderen Poupées belegen die Druckgraphiken die Bedeutung dieses Motivs für den späten Arp.


Obwohl die „Scherenschnitte“ auf den ersten Blick nebensächlich oder marginal erscheinen können, sind sie keineswegs „Spielmaterial“, das erst zu Hauptwerken führen sollte. Sie besitzen eine eigene ästhetische Kraft, die über das kindliche Entzücken hinausweist. Die Poupées sind ein zentrales formales und inhaltliches Anliegen des späten Arp, ein Motiv, ein „Théâtre humain“, an dem er noch einmal seine Gestaltphantasie und seine zutiefst humanistische Ethik bewies. 


Gleichzeitig mit der Schau zu den Poupées wird im Skulpturensaal eine neue Werkschau eingerichtet, in der wichtige Plastiken Arps in Zusammenhang mit Wandarbeiten von Künstlern wie Yaacov Agam, Adolf Fleischmann, Günter Fruhtrunk, Leo-Peter Leuppi, Hans Richter und anderen gezeigt werden. 
 


CARL AUGUST LINER

Menschenbilder

Die Sonderausstellung zeigt anhand von über 30 Exponaten aus der Sammlung der Stiftung Liner die besondere Meisterschaft des Appenzeller Künstlers in diesem Genre, das bis ins 20. Jahrhundert zu den bedeutendsten Aufgaben der Bildenden Kunst gehörte. Liner, der Ende des 19. Jahrhunderts noch traditionell an der Münchner Akademie der Künste ausgebildet wurde, wandte sich zwar nach seiner Rückkehr nach St. Gallen (beziehungsweise seinem Umzug nach Appenzell) in der Haupt-sache der Darstellung der Landschaft zu, fertigte aber immer wieder Bilder von Menschen. Diese waren sowohl als intime Zeugnisse des privaten Lebens gedacht wie auch als Auftragsarbeiten bekannterer Bürger gemalt, welche sich in einem Abbild verewigt wissen wollten. Grundsätzlich zeugen die Bildnisse Liners von seinem Interesse am menschlichen Schicksal, an der menschlichen Physiognomie und der Psychologie, die er kongenial in den verschiedensten Stilen, mal naturalistisch und fast dokumentarisch, mal impressionistisch verfremdet zum Ausdruck brachte.
 
Carl August Liner nutzte das technische Medium im Gegensatz zu gleichzeitigen Malern wie Lenbach oder Liebermann nicht. Seine Bildnisse beruhen ausnahmslos auf der genauen Beobachtung der Personen (mithin der Umwelt). Sie sind meist vorbereitet durch zahlreiche Bleistiftskizzen und ausgeführte Zeichnungen. Einige der Exponate in der Ausstellung, besonders die Kinderköpfe, zeigen Studien in Öl, die sicherlich als Vorbereitung für Hauptwerke gedacht waren. Gerade in diesen spontan gesetzten, mehr andeutenden als ausgeführten Werken kann man den vitalistischen Blick des Künstlers auf seine Mitmenschen nachvollziehen und fast miterleben. Diese Unmittelbarkeit findet sich auch in dem grossformatigen Werk Holzer mit Schlitten, das zwar eher eine Ölskizze als ein fertiges Bild ist, das aber dennoch als lebensnahes und -volles Bildnis eines arbeitenden Menschen gelten kann. Die Porträts seiner Gattin, Cécile Liner-Bernet, die der Künstler oft sehr nahsichtig darstellte, belegen die fast schonungslose Beobachtungsgabe Liners, der kaum beschönigte, sondern das tatsächliche Aussehen, vielleicht auch die jeweilige Stimmung mit dokumentari-schem Blick festhielt.

Diese unbestechliche Haltung findet man auch bei den „offiziellen“ Porträts, die Liner von Personen des gesellschaftlichen Lebens malte – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, da solche Aufträge die recht mage-ren Einkünfte aus den Verkäufen der „freien“ Kunst zumindest teilweise kompensieren konnten. Er verzich-tet auf einen „Weichzeichner“ und zeigt die Menschen so, wie er sie sah und wahrnahm. Das Doppel-porträt des Appenzeller Ehepaars Broger, das 2006 durch eine Schenkung aus Familienbesitz zur Stiftung Liner kam, zeigt beide in Festtagstracht, in repräsentativer Haltung (immerhin war Baptist Broger lange Jahre Bauamtsleiter in Appenzell), und doch spürt man in der Darstellung auch die Mühsal des nicht immer einfachen Lebens.

Ausstellung
Tickets
Hans Arp (1886 – 1966), 5 Poupées

Fondazione Marguerite Arp, Locarno

© Fondazione Marguerite Arp, Locarno /ProLitteris Zürich