Ahnen

Schenkungen von Heinrich Gebert an die Stiftung Liner Appenzell

Sonntag, 03. Oktober 2010
- Sonntag, 08. Mai 2011

Kunsthalle Ziegelhütte

3-Die Gründung der Stiftung Liner Appenzell ist den Initiativen von Heinrich Gebert sowie Carl Walter Liner und Katharina Liner-Rüf zu verdanken. Das erste Haus der Stiftung Liner, das Museum Liner, wurde ab 1996 geplant und konnte am 25. September 1998 eröffnet werden. Das zweite Haus der Stiftung Liner, die Kunsthalle Ziegelhütte, Industriedenkmal und Ausstellungsgebäude, konnte am 5. April 2003, ebenfalls dank der weitsichtigen und finanziellen Hilfe von Heinrich Gebert, eröffnet werden. Der Mäzen hat nicht nur die Kosten der Architekturen übernommen und über 400 Werke von Carl August und Carl Walter Liner gestiftet, sondern auch – zusammen mit seiner Gattin Myriam Gebert – einen Grossteil seiner privaten Kunstsammlung mit über 100 Werken von Künstlern von Hans Arp bis Hugo Weber in die Stiftung eingebracht – und nicht zuletzt hat er ein grosszügiges Stiftungskapital zur Verfügung gestellt, aus dem bis heute der Betrieb der beiden Ausstel-lungshäuser wie auch die Kooperation mit der Fondazione Marguerite Arp-Hagenbach in Solduno finanziert werden kann. Nicht nur aus diesem Grund kann Heinrich Gebert (*1917; † 2007) als Ahnfigur der Stiftung gesehen werden. Aber vor allem, weil er gerade in den Anfangsjahren der Stiftungstätigkeit ein unermüdlicher Ideenlieferant und Ratgeber war: So gehen die Ausrichtung des Ausstellungsprogramms auf die Klassische Moderne und die Gegenwartskunst wie auch das Engagement der Stiftung im musikalischen Bereich auf Anregungen des Unternehmers Gebert zurück. Im Sinn hatte der Mäzen ein breites kulturelles Angebot, das sich sowohl an regionale Bedürfnisse wie auch an ein nationales und internationales Publikum richten sollte. Dafür schuf er den architektonischen und finanziellen Rahmen, für dessen Inhalte und Gehalt die jeweiligen künstlerischen Kuratoren und musikalischen Intendanten sorgen – immer eingedenk der stifterischen Haltung und Vorgabe, dass Musik und Kunst ein in der Tat unersetzliches Bildungsgut für die Allgemeinheit, mithin für Alle, sein können und sollen.

Neben dem Werk der beiden Liners, Vater und Sohn, das die ästhetischen Pole vom „Grossen Realismus“ bis zur „Grossen Abstraktion“ umfasst, dienen heute vor allem die zusätzlichen Schenkungen Heinrich Geberts als Eckpunkte einer inhaltlichen Ausrichtung des Kunstprogramms wie auch der Ankäufe, welche die Stiftung tätigen kann. In diesem Sinne kann die in der Ausstellung AHNEN vorgestellte Auswahl aus den ursprüng-lichen Schenkungen Geberts als Ahnengalerie der jetzigen und zukünftigen Ausstellungen im Museum Liner und in der Kunsthalle Ziegelhütte aufgenommen werden. Künstler wie Arp, Alechinsky, Calder, LeWitt, Liner, Spescha, Tàpies oder Weber sind Ausgangspunkte eines Ausstellungsprogramms, das sich auf wichtige künstlerische Errungenschaften des 20. Jahrhunderts bezieht und gleichzeitig deren Folgen oder Nachfolger im 21. Jahrhundert berücksichtigt. Wobei die Ausstellungen – glücklicherweise – nicht programmatisch sein müssen, da die ästhetische Vielschichtigkeit und Offenheit der Sammlung Gebert eine Be- oder Eingrenzung des künstlerischen Ausdruckswillens geradezu verbieten. Statt eines doktrinären Beweises, was denn Kunst sei, bieten die Ausstellungen (und das musikalische Programm) der Stiftung Liner Hinweise auf künstlerische Möglichkeiten der Weltaneignung oder Wirklichkeitsinterpretation beziehungsweise Erkenntnisangebote, die sich an die fünf Sinne, aber auch an die Imagination der Besucher richten. Wobei jeweils das eigentliche Kunstwerk als eigenständige Wertschöpfung im Zentrum steht – ein Wert, der zwar historisch verankert ist, in seiner Zeit nicht nur ästhetisch-kulturelle, sondern auch gesellschaftlich-soziale Relevanz haben kann, der aber zusätzlich im ästhetischen Gefüge eine Zeitlosigkeit oder Allgemeingültigkeit beansprucht. 


So klingen in den Werken der hier vorgestellten „Ahnen“ sowohl formale wie auch inhaltliche Grundsätze der Kunst an, deren Spannbreite vom Essentiellen, auf das Wesentliche oder Unerlässliche der Erscheinungen Bezogenen, bis zum Existentiellen, auf das mit intellektuellen und emotionalen Assoziationen Verwobene, reicht. In jedem der in der Ausstellung gezeigten Werke, in jeder der künstlerischen Werkgruppen mag der Betrachter einen Gehalt ahnen, der im tatsächlich Sichtbaren aufgehoben ist und im gleichen Augenblick weit darüber hinausreicht – so findet man unter anderem bei Alechinsky archetypische Erzählungen, bei Calder den Stillstand der Zeit, bei Baumeister das Theater der Farben, bei Arp den Schatten des Menschen, bei Liner die Sprengung der Komposition (vielleicht der Welt), bei LeWitt die Farbe an sich, bei Francis den flüchtigen Moment, bei Nay den Herbst des Lebens, bei Soutter den angsterfüllten Raum, bei Spescha das Phantom der Räumlichkeit, bei Stamos die inneren Landschaften der Menschheitsgeschichte, bei Stella die in die Fläche zurückgebundene Emotion, bei Tàpies den romantischen Widerschein des Leids und bei Weber das tanzende Jenseits. Dafür lassen sich kunsthistorische Begriffe wie Kinetik, Kolorismus, Abstraktion, Konzeptualität, Dadaismus, Individuelle Mythologie, Expressionismus usw. finden – Schubladenbegriffe, die den individuellen Arbeiten kaum je gerecht werden.  

 

Roland Scotti 

 

 

Ausstellung
Tickets
Matias Spescha, Nr. 17, 1967
Öl auf Jute, 156 x 139cm; Ernst Wilhelm Nay, Dunkle Melodie, 1956, Öl auf Leinwand, 125,5 x 200cm
© E. Nay-Scheibler, Köln; Matias Spescha, Nr. 15, 1965
Öl auf Jute, 150,5 x 149 cm