Stefan Inauen

Kampf um die Vorherrschaft von Licht und Dunkelheit

Sonntag, 27. November 2011
- Dienstag, 27. November 2012

Kunsthalle Ziegelhütte

Die Stiftung Liner Appenzell zeigt erstmals in einer monographischen Schau einen aus dem Appenzellerland stammenden Gegenwartskünstler: den 35jährigen Stefan Inauen. Die künstlerische Position Inauens im gegenwärtigen Schweizer, aber auch im internationalen Umfeld ist einzigartig: Sie kündet von einer eigenwilligen Kunst- und Weltauffassung, die nicht nur bemerkenswert ist, sondern unserer Meinung nach auf das verweist, was Kunst in Zukunft unter anderem sein könnte.

Die Ausstellung zu Stefan Inauen reiht sich ein in einen Ausstellungszyklus im Experimentierfeld der Kunsthalle Ziegelhütte, welcher die Frage nach Sinn, Form und Aufgaben der gegenwärtigen künstlerischen Vorhaben stellt. Diese programmatischen Ausstellungen sind immer raumgreifend und raumverändernd. Das mag daran liegen, dass man heutige Welt- und Kunstbilder kaum mehr mit einem einzelnen Werk oder mit einer sauber chronologisch oder kunsthistorisch gegliederten Werkabfolge visualisieren oder gar vermitteln kann. 


Die von Stefan Inauen für Appenzell konzipierte Ausstellung Kampf um die Vorherrschaft zwischen Licht und Dunkelheit ist eine Gratwanderung. Einerseits zitiert der Titel in einer ideengeschichtlichen Volte die Auseinandersetzungen zwischen der rational-philosophischen, naturwissenschaftlich orientierten Aufklärung und einem spirituellen Obskurantismus, andererseits bezieht sich der Titel auf Schlagworte, die uns in allen möglichen Zusammenhängen und Verkleidungen begegnen – der Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch ist manifest oder unterschwellig allgegenwärtig. In einer scheinbar harmlosen, vernunftgesteuerten Wirklichkeit kündet das von „Würze“, von Spannung oder eben Kampf. Gerade auch in den so genannten Gegenkulturen nimmt die Leerformel in den jeweiligen Gedanken- oder Vorstellungsgebäuden einen herausragenden Ort ein. 

In der dreistöckigen Ausstellungsinszenierung, die neben älteren Arbeiten vor allem eigens für die Schau in der Kunsthalle Ziegelhütte angefertigte Einzelarbeiten und Ensembles umfasst, entwickelt Inauen eine Kunstwelt, die in einem ersten Augenschein die Platitüde des Titels illustriert, sozusagen in Anschaulichkeit rückübersetzt. Jedem tiefergehenden Blick offenbart sich aber das Schillern eines vielschichtigen, assoziativen und metaphorischen Panoptikums, das zwischen Insider-Witz und Outsider-Kunst oszilliert, das ebenso multivalent bleibt wie der Ausstellungstitel. Inauen bezieht – und das unterscheidet ihn von der letztlich doch moralisierenden Moderne – nicht eindeutig Stellung; er präsentiert das Für und Wider in all seiner Widersprüchlichkeit. Und damit überlässt er dem Betrachter, besser: dem Begeher, seines Kunstraums die Verantwortung einer Entscheidung zwischen Licht und Finsternis, zwischen Humor und Obsession, zwischen kunstimmanenter oder allgemeiner Deutung. 


Das visuelle Vokabular, mit dem Inauen die Kunstwelten, die zugleich psychische Innen- und realistische Aussenwelten sind, konstruiert, hat er seit 2003 kontinuierlich entwickelt, erweitert und ausgebaut, wobei einige Konstanten feststellbar sind. Auf der formalen Seite die Beschäftigung mit Erscheinungen der jüngeren Kunstgeschichte wie eben Surrealismus, Op-Art, Objektkunst, Environment, Graffiti, Bad Painting, aber auch Art brut, traditionellem Handwerk und der so genannten Volkskunst usw.; auf der inhaltlichen Seite die Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Camp oder Trash, wie Pop, Nostalgie, Populärpsychologie, Sexualtheorie, Aggressionsforschung, Mediendiskussion, Bildungskanon – all dem, was die geistigen und körperlichen Säfte zum Fliessen bringt. Besonders deutlich wird die Überlagerung des Heterogenen, des nach bisheriger Lesart intellektuell und ethisch Unvereinbaren, in den Airbrushzeichnungen der letzten Jahre – zu sehen im dritten Stockwerk der Kunsthalle Ziegelhütte. In diesen Zeichnungen gibt Inauen mittels eines potentiell unendlichen Comicstrips Einblick in eine Welt, in der alles verfügbar ist, alles gleichzeitig stattfindet, in der Hoch- und Allgemein- mit Unkultur verschmelzen – ganz so wie in der täglich erlebbaren Realität. Wobei „Unkultur“ nicht abwertend oder negativ gemeint ist, sondern als Begriff – wie Marcel Duchamps A-Kunst – eher auf jene gelebten Kulturen deutet, die noch nicht in den Kreislauf der offiziellen Kulturrede integriert beziehungsweise domestiziert sind. 


Inauen kritisiert nicht; er stellt auch keineswegs fest, aber er stellt sowohl die Methoden und Rituale des Kunstbetriebs wie auch jene der Erkenntnisindustrie in Frage – ohne eine allgemeingültige Antwort liefern zu wollen. Der „Kampf zwischen Licht und Dunkelheit“, so wie er von Inauen inszeniert wird, ist eben kein Krieg, der zwischen anonymen und ominösen Mächten tobt, sondern eine angewandte Erkenntniskritik, die sich einzig und allein auf das Individuum, das menschliche Subjekt bezieht – nur ein Ich, das um die eigene Lichtigkeit oder das eigene Dunkel weiss, kann sich erkennen, in der Welt verorten, das mag ein Ergebnis des Ausstellungserlebnisses sein. 

Die Ausstellung wird unterstützt von der Innerrhoder Kunststiftung, Appenzell. 


Zur Ausstellung erscheint eine Publikation, 90 Seiten, 60 Abb. mit Texten von Alexandra Blättler, Nicola Huser und Roland Scotti.  Zum Shop

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Ausstellungsansicht
Stefan Inauen, Kampf um die Vorherrschaft von Licht und Dunkelheit, 2011
Foto: Urs Baumann, Gais